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Ein Darmverschluss der anderen Art – Versuch einer Analyse

Letztes Jahr wäre ich beinahe gestorben

An einem recht kalten Mainachmittag, der den Frühling noch nicht wahrhaben wollte, hatte ich mich in ein gemütliches Café namens „Lieblingskaffee“ geflüchtet und genoss gerade eine heiße Tasse Kaffee und eine Waffel, als mich ein plötzlicher, bis dahin ungekannter Unterleibschmerz erfasste, der mir das klare Denken innerhalb weniger Minuten verunmöglichte. Zu stark war der nicht mehr nachlassende Krampf in meinem Bauch. Der letzte Gedanke, ehe mein Denken sich trübte: „Was servieren die hier für ungenießbare Waffeln, dass ich derartige Magenkrämpfe davon bekomme“, erwies sich leider als verharmlosender Verleugnungsversuch des Problems. Ich hatte mit dieser Waffel gerade die letzte entspannte Mahlzeit im Jahr 2019 zu mir genommen, und überhaupt das letzte Essen (und Trinken) für die nächsten sieben Tage. Das ahnte ich zu dem Zeitpunkt aber noch lange nicht.

Ich schleppte mich mit meinen Schmerzen mehr schlecht als recht nach Hause und begann dort, mich alle 15 Minuten zu übergeben. Dem nächsten Versuch einer harmlosen Erklärung für mein Befinden: „Ist dann wohl eine heftige Lebensmittelvergiftung…“, dem sich auch meine Eltern, bei denen ich gerade zu Besuch war, anschlossen, folgte eine Nacht unerträglicher Schmerzen, in der ich nicht in der Lage war, nach Hilfe zu rufen. Am nächsten Morgen ließ ich mich endlich zum Hausarzt bringen, der mich nach einem Tropf mit Schmerzmitteln und, trotz Ultraschalluntersuchung und stark gestauter Galle, ohne weitere Intervention wieder nach Hause schickte. Es besserte sich nicht. Ein zweiter, abends gerufener Arzt erkannte, dass mein Darm nicht arbeitete, und verabreichte mir, ohne weitere Diagnostik, ein die Peristaltik (die Darmtätigkeit) anregendes Medikament. Beide Ärzte hatten wir explizit auf die bei Mukoviszidose bestehende Gefahr eines Darmverschlusses (Ileus) hingewiesen. Als der Arzt mich untersuchte, hatte ich bereits seit mehr als 24 Stunden schwere Schmerzen, keinen Schlaf und absolut nichts zu mir genommen. Der Arzt freute sich über meine „stabile Konstitution“ – mein Kreislauf war noch nicht kollabiert – und überließ mich eine weitere Nacht meinen Schmerzen.

Am nächsten Morgen, weiterhin ohne Besserung und akut erschöpft, mit dem deutlichen Gefühl, noch so eine Nacht nicht zu überleben, fuhren wir, nach wie vor ohne Einweisung, endlich zur nächsten Mukoviszidose-Station, die mich als Notfall aufnahm. Hier bekam ich Schmerzmittel, sehr besorgte Blicke und die Diagnose „weit fortgeschrittenes DIOS“ (distales intestinales Obstruktionssyndrom, eine typische Komplikation bei Mukoviszidose, ein Syndrom, bei dem sich fester Stuhl am Übergang vom Dünndarm in den Dickdarm sammelt und nicht weiter transportiert werden kann, was zu starken Schmerzen im rechten Unterbauch führt), mit entsprechendem Therapieprogramm: Gastrografin (ein Röntgenkontrastmittel, das die Darmtätigkeit stark fördert), Einläufe, und als auch das nichts half, eine Darmspiegelung, um das Problem endoskopisch auszuräumen. Mein Bauch sah inzwischen aus, als wäre ich im 8. Monat schwanger, und keine der Interventionen änderte etwas daran.

72 Stunden nach Beginn meiner Schmerzen, die inzwischen mir unerklärlicherweise verschwunden waren, wurde den Ärzten endlich klar: Irgendetwas läuft hier ganz anders als erwartet, irgendetwas stimmt hier nicht. Dinge, über die sie sich vorher latent gewundert hatten, setzten sich zusammen zu der Erkenntnis: Die Diagnose DIOS kann nicht stimmen. Warum war das Gastrografin gar nicht im Darm angekommen? (Weil der Darm bereits vollständig gelähmt war, weshalb alles im Magen verblieb, und weshalb ich keine Schmerzen mehr hatte). Warum förderten Einläufe nichts, gar nichts zu Tage? (Weil der Dickdarm bereits leer war). Warum besserte sich mein Zustand nach der Endoskopie, die bis in den Dünndarm vorgedrungen war, also an der DIOS-Stelle durchgekommen war, nicht? (Weil das Problem nicht dort lag). Erstmals wurde über einen Darmverschluss anderer Ursache spekuliert und ein CT angemeldet – nach drei Tagen ohne Essen, Trinken oder Schlaf.

Was war passiert?

Wie konnte es sein, dass es so lange dauerte bis zur Einleitung einer adäquaten Diagnostik, obwohl ich offensichtlich einen sogenannten „akuten Bauch“ hatte? Akuter Bauch bezeichnet eine Symptomtrias aus starken, akuten Bauchschmerzen, Abwehrspannung der Bauchdeckenmuskulatur und einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Kreislaufdekompensation (bis hin zum Kreislaufschock)[1]. Dem können verschiedene, meist lebensbedrohliche Ursachen zugrunde liegen. Bei Patienten mit einem akuten Bauch ist daher keine Zeit zu verlieren. Eine bis vor kurzem aktuelle Faustregel für Mediziner besagt, dass ein Patient mit akutem Bauch ohne Besserung spätestens nach 12 Stunden im OP zu sein hat, um den Bauch zu öffnen und die Ursache zu klären und zu beseitigen[2]. Inzwischen gilt die dringende OP-Indikation nur noch bei dem Verdacht auf einen durch eine mechanische Verlegung des Darms verursachten Darmverschluss, in jedem Fall hat aber umgehend eine bildgebende Diagnostik zu erfolgen, um eben diesen Verdacht abzuklären. Keinesfalls jedoch sollte damit, wie in meinem Fall passiert, drei Tage gewartet werden.

In dem nun endlich erfolgten CT sah man – nichts vom Darm, denn es befanden sich einige Liter Aszites (freie Flüssigkeit) in meinem Bauchraum, die offensichtlich aus dem Darm ausgetreten waren. Das ist hochgefährlich, denn so kann eine Bauchfellentzündung (Peritonitis) entstehen, die mit einer Sterblichkeit von bis zu 50% einhergeht. Es war also, 80 Stunden nach Beginn der Schmerzen, klar: Ich muss in den OP, und zwar sofort. Zur Ursache meiner Beschwerden gab es inzwischen eine Vermutung, die ich während der OP-Aufklärung erstmals hörte: Ein Dünndarmverschluss, also ein Darmverschluss im Bereich des Dünndarms, ausgelöst durch einen Tumor oder eine Bride.

Bride?

Dieses Wort hatte ich noch nie gehört, obwohl ich mich grundsätzlich für eine interessierte und gut informierte Patientin halte. Briden, lernte ich, schon in meinem OP-Hemdchen, sind innere Gewebestränge, die nach Verletzungen im Bauchraum, z. B. durch Operationen oder Entzündungen, entstehen. Es bilden sich sogenannte Adhäsionen (auch Verwachsungen genannt). Das Bauchfell produziert an der verletzten Stelle überschießendes Gewebe, das Organe miteinander verkleben oder sich wie Kordeln durch den Bauchraum ziehen kann. Solche Adhäsionen treten nach 50%-75% aller Bauchoperationen auf[3]. Adhäsionen können zu diversen Problemen führen: Verdauungsbeschwerden, chronische Unterleibsschmerzen, Unfruchtbarkeit bei Frauen und in seltenen Fällen zu einem Darmverschluss, bei dem Briden den Darm mechanisch vollständig einklemmen[4]. Ein vollständiger Darmverschluss ist ein lebensbedrohliches Ereignis, das unbedingt der schnellen Lösung bedarf. Die Rate an Komplikationen und auch die Sterblichkeit erhöht sich, je länger ein Verschluss bestehen bleibt[5]. Sie bewegt sich dabei zwischen 5% und 25%, je nach Dauer seit Beginn der Blockade. Ein unbehandelter Darmverschluss verläuft fast immer tödlich.

Es hieß also: Operation oder sterben, und zwar bald. Darüber verblassten alle anderen Sorgen, auch die, eventuell mit einem temporären oder auch permanenten Ileostoma (einem künstlichen Darmausgang) aus der Sache hervorzugehen. Die Chirurgin versprach mir, mich lebend wieder aus dem OP zu bringen, und los ging es. Während der Operation stellte sich heraus: der gesamte Darm war mit dem umliegenden Gewebe verklebt und unbeweglich, und zwei fingerdicke Briden drückten den Dünndarm ab. Ich hatte, hier nun endlich die korrekte Diagnose, einen Verwachsungsbauch mit Briden-Ileus. Als Säugling hatte ich, wie so viele Mukoviszidose-Betroffene, einen Mekoniumileus (einen Darmverschluss direkt nach der Geburt, ausgelöst durch eine falsche Konsistenz des Kindspechs), infolgedessen auch eine Bauchfellentzündung und zwei große operative Eingriffe, da ein künstlicher Darmausgang erst angelegt und später wieder entfernt wurde. Ich erfülle also gleich mehrere Risikofaktoren für die Entstehung von Adhäsionen und gelte damit, laut Literatur, als Risiko-Patientin. Offensichtlich lebte ich seit 34 Jahren mit diesem Verwachsungsbauch, ohne davon gewusst zu haben oder je darauf untersucht, angesprochen, geschweige denn über die möglichen Komplikationen aufgeklärt worden zu sein. Und das, obwohl ich seit jeher Verdauungsbeschwerden und Schmerzen hatte. Nun wäre mir also das Ganze im letzten Jahr fast zum Verhängnis geworden. Je größer mein Abstand zu dem Erlebnis wird, desto drängender werden meine Fragen:

  • Warum wusste ich nichts über Adhäsionen, trotz lebenslanger Beschwerden?
  • Warum kannte ich die Symptome eines akuten Darmverschlusses nicht?
  • Wie konnte es passieren, dass ich erst nach 80 Stunden, statt nach 12, im OP landete?
  • Wie konnten so viele Menschen den Ernst der Lage verkennen: Hausarzt eins, trotz Ultraschall, Hausarzt zwei, Klinikärzte eins zwei drei viele, obwohl Fachärzte für Gastroenterologie, Chirurgie und Mukoviszidose-Experten, und nicht zuletzt mein Vater und ich selbst, als erfahrenes, eingespieltes Team im Managen meiner gesundheitlichen Probleme?
  • Warum kam niemand auf die eigentlich naheliegende Idee, dass meine OP-Vorgeschichte etwas mit der aktuellen Symptomatik zu tun haben könnte?

Hätte das Ganze nicht glimpflicher verlaufen können, ja müssen? Ich denke inzwischen: Ja, hätte es. Was können wir also tun, damit es anderen nicht auch so ergeht wie mir? Dafür schreibe ich diesen Text.

Unkenntnis, Verleugnung, Verblendung

Auf diese wesentlichen Punkte lässt sich die Suche nach den Gründen für diesen unguten Verlauf meiner Meinung nach reduzieren.

Die Unkenntnis steht am Anfang der Geschichte: Ich wusste das, was ich an jenem Frühlingsnachmittag in dem Café fühlte, nicht einzuordnen. Mein gastroenterologisches Wissen beschränkte sich auf Kreon-Dosierungen und dass ich dazu neige, ein DIOS zu entwickeln. Davon hatte ich schon viele, die Symptome kenne ich gut, und sie unterscheiden sich deutlich von dem, was ich nun erlebte. Ich schloss daher noch in dem Café für mich aus, ein DIOS zu haben, und leitete dementsprechend auch keine der dann angebrachten Maßnahmen ein (Movicol trinken und Ambulanz kontaktieren). Die Symptome eines DIOS bauen sich langsam auf, und das Problem bleibt in der Regel über mehrere Tage im Bereich eines Sub-Ileus, also eines noch nicht vollständigen Darmverschlusses. Meist ist es in diesen Tagen zu schaffen, die Passage durch den Darm ohne OP wieder zu öffnen. Die Symptome setzen also nicht so akut und massiv ein, wie es bei mir der Fall war. Die Gefahr, einen plötzlichen, vollständigen Ileus zu erleben, kannte ich nicht,  und spekulierte daher über eine Lebensmittelvergiftung. Gleiches gilt für meinen Vater. Das ist, im Rückblick, ein nicht akzeptabler Wissensmangel für eine Patientin mit so schwerwiegender Operations-Vorgeschichte, wie ich sie habe. Und das führt direkt zum nächsten Punkt: Warum wurde ich nicht aufgeklärt?

Hier begegnen wir möglicherweise der Verleugnung, und zwar zunächst auf Seiten der Ärzte. Adhäsionen im Bauchraum stellen ein nicht unerhebliches Problem im Gesundheitswesen dar, mit langjährig Betroffenen und hohen Folgekosten. In krassem Missverhältnis dazu steht die eher marginale Repräsentation des Problems in Form von Aufklärung, Anlaufstellen und auch Wissen der Ärzte[6]. Wenn es überhaupt Anlaufstellen gibt, dann in der Frauenheilkunde, für Frauen mit Endometriose oder nach Operationen an der Gebärmutter. Eine gastroenterologische Sprechstunde für Adhäsions-Beschwerden nach Darm-OPs habe ich trotz ausführlicher Suche nicht gefunden. Im Rückblick fallen mir meine Sonografie-Befunde aus früheren Jahren auf, die auf Adhäsionen hindeuteten, aber nicht in diesem Sinne interpretiert wurden. Adhäsionen lassen sich allerdings mit bildgebenden Mitteln kaum darstellen, eine sichere Diagnose kann nur durch eine Bauchspiegelung (das minimalinvasive Einführen einer Kamera durch die Bauchdecke) erfolgen, was wiederum eine Verletzung des Bauchfells darstellt und damit das Problem weiter verschärfen kann. Ist man schließlich sicher, dass es sich bei dem Problem eines Patienten um Adhäsionen handelt, ist man zwar schlauer, aber einer Behebung der Beschwerden nicht näher. Lösen lassen sich Adhäsionen nur operativ. Doch dabei entstehen zwangsläufig neue Verletzungen mit neuem Adhäsionsrisiko. Es scheint ein Teufelskreis zu sein. Die Indikation für eine OP ist daher sehr gut abzuwägen, zumal das Operationsrisiko bei Patienten mit bestehenden Adhäsionen erhöht ist: Man kann nicht mehr minimalinvasiv operieren, da die Lage der Adhäsionen und der verklebten Organe im Bauchraum nicht vorherzusehen ist und minimalinvasive Techniken ein hohes Verletzungsrisiko für die Organe bedeuten würden. Zudem dauern Operationen bei Adhäsionen deutlich länger und die Gefahr von Komplikationen wie Blutungen ist erhöht[7]. Möchte man nicht operieren, kann man versuchen, die Verdauung mit Laxantien zu unterstützen oder eine Langzeit-Schmerztherapie durchführen. Es gibt also keine „guten“ Lösungen, die ein Mediziner seinem Patienten, der sich mit Adhäsionen vorstellt, anbieten kann. Zudem ist es im Zusammenhang mit Adhäsionsbeschwerden wohl wiederholt zu rechtlichen Anschuldigungen gegen den Operateur gekommen, was vielleicht auch einige davor zurückschrecken lässt, sich des Themas anzunehmen.[8] Gar nicht aufzuklären, zu verleugnen, darf trotz alldem nicht die Lösung sein. Denn als Patient kann man die Augen zwar ebenfalls verschließen vor dem Problem und seinen Risiken, aber spätestens, wenn der Schmerz eines Darmverschlusses einsetzt, wird man sie zwangsläufig sehr weit aufreißen – und dann bleibt einem nur zu hoffen, dass auch das medizinische Personal hinguckt, denn sonst bezahlt man die kollektive Verleugnung im schlimmsten Fall mit dem Leben.

Verleugnung lässt sich auch bei uns, auf der Seite der Patienten/Angehörigen finden: Wir hatten als Familie bereits ein gesundheitlich schwieriges Jahr hinter uns, als meine Schmerzen einsetzten. Wir waren sicher unbewusst daran interessiert, eine harmlose Ursache für diese neuen Beschwerden anzunehmen, einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass meine Beschwerden deutlich für ein schwerwiegendes Problem sprachen. Das ist so menschlich wie gefährlich. Ich bin daher zu spät zum Arzt gegangen (bzw. gefahren worden, denn Gehen war unmöglich). Nichtsdestotrotz liegt die Verantwortung für die Entwicklung ab dem Zeitpunkt, an dem ich mich bei einem Arzt vorgestellt hatte, nicht mehr bei uns. Beide Hausärzte hätten mich einweisen müssen. Bei Hausarzt Nr. eins waren wir ca. 12 Stunden nach Beginn der Schmerzen, zu spät, aber nicht in dem gravierenden Ausmaß, zu dem sich die Verspätung am Ende aufsummiert hatte. Grundsätzlich darf in einem Notfall nicht von Patienten oder Angehörigen erwartet werden, die korrekten Entscheidungen hinsichtlich des medizinischen Vorgehens zu treffen. Passiert das, ist eine unzulässige Verantwortungsdiffusion entstanden. Es bleibt die Frage: Warum haben mich beide Ärzte nicht eingewiesen? Ich würde sie gerne fragen. Bis dahin kann ich nur vermuten, dass es auch bei ihnen einen unbewussten Wunsch gab, ich möge nichts Ernstes haben (Verleugnung). Und vermutlich begegnen wir hier Problem Nummer drei: Verblendung, also das Nicht-Sehen des Tatsächlichen aufgrund verzerrter Vorannahmen. Eine junge Patientin in, abgesehen von der akuten Symptomatik, sehr gutem Allgemeinzustand – wer rechnet denn da mit einem Darmverschluss?! Selbst nach der Operation und eindeutiger Diagnose habe ich von mehreren Ärzten gehört: „Dafür sind Sie aber zu jung!“ oder: „Das kriegen doch nur Kinder!“. Beide Annahmen sind falsch. Komplikationen von Adhäsionen haben mit dem Lebensalter oder dem Allgemeinzustand nichts zu tun. Die Ärzte haben, vermute ich, Entscheidungen aufgrund von (falschen) Plausibilitätsannahmen getroffen. Plausibilitätsannahmen in diagnostischen Prozessen sind wichtig, besonders, wenn es schnell gehen muss. Mindestens genauso wichtig ist aber die ärztliche Fähigkeit, die eigenen Plausibilitätsannahmen immer wieder in Frage zu stellen, den Blick auf den Patienten also offen zu halten. Das ist wohl nicht gelungen. Dabei spielt vermutlich auch die Mukoviszidose eine Rolle. Sie scheint sich wie ein Tarnmantel über den diagnostischen Blick der Klinikärzte gelegt zu haben. Wie sonst konnte die Diagnose „DIOS“ ohne Diagnostik oder ausführliche Anamnese gestellt werden? Der diagnostische Prozess folgte anscheinend dem Motto: Mukoviszidose-Patientin+Darmbeschwerden=DIOS. Meine Überzeugung, dass die Symptome nicht zu einem DIOS passten, fand keine Beachtung, dass auch der Verlauf nicht zum DIOS passte, auch nicht. Diese verkürzte Diagnostik auf Basis von Plausibilität ist gerade für uns Mukoviszidose-Betroffene (nicht nur bei diesem Thema!) eine Gefahr, denn wir sind jung, und trotzdem häufig schon am Bauch operiert, also gefährdet, Spätfolgen dieser Operationen zu erleben. Das sollte eigentlich auch den Ärzten, die uns behandeln, bewusst sein. Wichtig ist die Diagnose insbesondere, weil sich die Handlungsanweisungen für DIOS und Darmverschlüsse mit anderer Ursache deutlich voneinander unterscheiden. Im Falle eines DIOS muss alles versucht werden, um eine Operation zu umgehen. Nach dieser Richtlinie wurde ich behandelt. Bei einem vollständigen Darmverschluss, z.B. durch Briden oder Tumoren, darf dagegen nicht zu lange mit der Operation gezögert werden, um lebensgefährliche Komplikationen zu verhindern. Mein Arzt in der Klinik hat das treffend formuliert, als er zu seinem DIOS-spezifischen Vorgehen sagte: „Wir bewegen uns hier am Rande der Legalität.“ Gemeint war, dass mein Zustand bei der Aufnahme in die Klinik eigentlich eine sofortige OP-Indikation darstellte, er aufgrund der DIOS-Diagnose aber trotzdem einen konservativen Lösungsversuch wagen wollte. Hätte man mit einer ausführlichen Diagnostik anders entscheiden können? Vermutlich ja, denn der Ort eines Darmverschlusses (Dünndarm, Dickdarm, etc.) lässt sich in Ultraschall und CT darstellen. Da mein Ileus eindeutig im Dünndarm lag, wäre sofort klar gewesen, dass es sich nicht um ein DIOS handeln konnte. Der richtige Weg lag also genau eine CT-Anmeldung weit entfernt.

Was ist zu tun?

Meiner Meinung nach geht es hier, wie so oft, vor allem um Aufklärung. Aufklärung der Betroffenen über die möglichen Komplikationen, und Aufklärung der Ärzte, um eventuelle Vorurteile und Verzerrungen im diagnostischen Prozess abzubauen. Für uns Betroffene heißt das konkret:

Kenne die Gefahr.

Folgende Symptome können auf einen mechanischen, z.B. durch Briden oder Tumoren verursachten Darmverschluss hindeuten[9]:

  • Plötzlich einsetzende, starke, kolikartige Schmerzen bzw. lang andauernde Krämpfe im gesamten Unterbauch, insbesondere mit zusätzlichem Erbrechen
  • Drang, auf die Toilette zu müssen, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, Stuhl abzusetzen (Achtung: die Dauer seit dem letzten Stuhlgang ist KEIN Indikator. Ich hatte wenige Stunden vor Einsetzen der Schmerzen völlig normalen Stuhlgang.)
  • Ein harter, eventuell berührungsempfindlicher Bauch
  • Ein deutlich aufgetriebener Bauch
  • Von außen tastbare Darmschlingen, die sich anfühlen wie harte Wülste, eventuell mit spür- oder sichtbaren Kontraktionen entlang der Darmschlingen
  • Kreislaufinstabilität
  • Achtung: ein plötzliches Nachlassen der Schmerzen muss nicht auf eine Besserung hindeuten, sondern kann darauf zurückzuführen sein, dass sich der Darm nicht mehr kontrahiert, der Verschluss also weit fortgeschritten ist und der Darm seine Tätigkeit eingestellt hat. Dies ist ein sehr gefährlicher Zustand, in dem der Darm aufgrund der andauernden Überdehnung durchlässig werden oder auch aufgrund fehlender Blutzufuhr absterben kann.

Als Faustregel lässt sich festhalten, dass ein mechanischer Ileus akut, mit generalisierten Schmerzen im gesamten Unterbauch einsetzt und schneller zu Erbrechen führt als ein DIOS, während DIOS zu einer langsamen Steigerung (über Tage) lokalisierbarer Schmerzen im linken Unterbauch führt, bei bestehender Restöffnung der Darmpassage[10].

Handele.

  • Tritt eins der oben genannten Symptome auf, suche sofort eine Klinik auf.
  • Verlange dort eine adäquate Diagnostik! Trotz der Unmöglichkeit, Briden bildgebend darzustellen, bieten sowohl Ultraschall als auch CT eine Möglichkeit, die versperrte Stelle des Darms zu lokalisieren. Dies erlaubt in der Regel eine diagnostische Unterscheidung zwischen DIOS und anderen Ileus-Formen sowie eine Feststellung des Schweregrades. Beides ist zentral für die folgenden Therapieentscheidungen. Eine Studie aus 2019 beschreibt anhand eines tödlich verlaufenen Falles die nicht zu unterschätzende Wichtigkeit, dass Ärzte bei Mukoviszidose beide plausiblen Ursachen einer Darmobstruktion bedenken und prüfen, sowohl die DIOS- als auch die Adhäsionshypothese[11].
  • Sprich alle Vermutungen aus, die Du zur Ursache hast, um mögliche Plausibilitätsannahmen der Ärzte hinterfragbar zu machen.
  • Bezieh frühzeitig Angehörige mit ein und statte sie mit den notwendigen medizinischen Informationen aus, da Du eventuell zu den genannten Schritten selbst nicht mehr in der Lage sein wirst, wenn die Schmerzen akut eingesetzt haben.

Kläre auf.

Die stiefkindliche Behandlung des Problems der postoperativen Adhäsionen im Gesundheitswesen ist nicht akzeptabel. Wir sollten daher unsere Kontakte und Möglichkeiten nutzen, indem wir das Problem immer wieder thematisieren, in der Hoffnung, dass es dadurch sowohl bei Ärzten als auch bei Betroffenen stärker, also adäquat, ins Bewusstsein rückt. Dies gilt auch für Verdauungsbeschwerden, die so viele von uns haben. Bei wem wurden hier Adhäsionen als mögliche Ursache für die Beschwerden je angesprochen? Wie lange werden alle Verdauungsbeschwerden auf falsch dosierte Verdauungsenzyme und/oder DIOS geschoben? Ein Hinweis: Klar lokalisierbare Schmerzen, die regelmäßig nach Mahlzeiten im Bereich des Darms auftreten, und eine verstärkte Peristaltik sind typisch für durch Adhäsionen ausgelöste Engstellen im Darm.

Ende gut, alles gut?

Ich bin unendlich froh, überlebt zu haben und sogar wieder fit geworden zu sein. Das Klinikpersonal hat mir das Weiterleben geschenkt. Meine Dankbarkeit dafür lässt sich gar nicht in Worte fassen. Nach einer Phase stabiler Darmtätigkeit haben sich jedoch inzwischen neue (alte) Probleme eingestellt: schmerzende Darmschlingen, eine verstärkte Peristaltik, Völlegefühle, häufig auch Übelkeit nach dem Essen. Ob das Auswirkungen neuer Adhäsionen sind? Ich weiß es nicht – denn ich hänge in dem Versorgungsloch für Patienten mit operierten Bäuchen. Es gibt keine Anlaufstelle, es fühlt sich niemand zuständig. Gastroenterologen und Chirurgen schieben sich die Zuständigkeit hin und her. Mir wird hausärztlicherseits mitgeteilt, ich solle doch akzeptieren, dass ich nun mit diesen Schmerzen leben müsse – wiederum ohne jegliche Diagnostik. Inzwischen bekomme ich endlich, dank meines engagierten Mukoviszidose-Arztes, eine Diagnostik bei einem Gastroenterologen, bei dem mein Mukoviszidose-Arzt noch „einen gut“ hat. Ich werde also mit meinem Problem zur Empfängerin von wer weiß wie freiwilligen Zugeständnissen – bezeichnend für den Status, der uns Patienten mit Adhäsionen im Medizinbetrieb zuerkannt wird. Das ist nicht akzeptabel. Das muss sich ändern.

[1] Vgl., wie auch für weitere medizinische Fachinformationen, entsprechende Kapitel medizinischer Fachbücher, oder, wenn nicht vorhanden, Wikipedia ;).

[2] www.aerzteblatt.de/archiv/192554/Ileus-beim-Erwachsenen. Abruf am 10.02.2020

[3] Brüggmann D, Tchartchian G, Wallwiener M, Münstedt K, Tinneberg H-R, Hackethal A: Intra-abdominal adhesions  definition, origin, significance in surgical practice, and treatment options. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(44): 769–75. DOI: 10.3238/arztebl.2010.0769

[4] ten Broek RP, Issa Y, van Santbrink EJ, Bouvy ND, Kruitwagen RF, Jeekel J, Bakkum, EA, Rovers MM, van Goor H: Burden of adhesions in abdominal and pelvic surgery: systematic review and met-analysis. BMJ 2013 Oct  3;347:f5588. doi: 10.1136/bmj.f5588.

[6] „Obwohl Dembrowski bereits im Jahr 1889 erste Daten zur Adhäsionsinduktion im Tiermodell veröffentlichte und seitdem weitreichende In-vitro- und In-vivo-Studien durchgeführt wurden, existieren in der Literatur weder eine offizielle Adhäsionsdefinition noch eine anerkannte standardisierte Klassifikation zur objektiven Einteilung von Ausprägung und Schweregrad.“ Brüggmann D, Tchartchian G, Wallwiener M, Münstedt K, Tinneberg H-R, Hackethal A: Intra-abdominal adhesions definition, origin, significance in surgical practice, and treatment options. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(44): 769–75.     DOI: 10.3238/arztebl.2010.0769

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Markogiannakis H, Messaris E, Dardamanis D, et al.: Acute mechanical bowel obstruction: clinical presentation, etiology, management and outcome. World J Gastroenterol 2007; 13: 432-7 CrossRef MEDLINE PubMed Central

[10]www.aerzteblatt.de/archiv/192554/Ileus-beim-Erwachsenen. Abruf am 10.02.2020

[11]Hort A, Hameed A, Middleton PG, Pleass HC: [Epub ahead of print] Distal intestinal obstruction syndrome: an important differential diagnosis for abdominal pain in patients with cystic fibrosis. ANZ J Surg. 2019 Jul 30. doi: 10.1111/ans.15357.

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