Ärzte sind auch nur Menschen

Vorbemerkung

von Kathrin Bremer (Diplom-Psychologin, Tiefenpsychologin und Psychoanalytikerin in Ausbildung, Mukoviszidose-Betroffene)

Kaum irgendwo treffen Hilfe und Schädigung, Rettung und Traumatisierung so intensiv aufeinander, wie in ärztlichem Handeln. Dies liegt zum Teil, gerade wenn es um schwerwiegende, lebensgefährliche Probleme geht, in der Natur der Sache. Verschärft wird dieser Widerspruch jedoch, wenn das ärztliche Handeln nicht sensibel und in Absprache mit den Betroffenen erfolgt.

Erst seit wenigen Jahren rücken potentielle psychische Schädigungen und Traumatisierungen überhaupt stärker in den Fokus. Die Bindungsforschung hat uns verdeutlicht, welche traumatischen Schrecken Säuglinge erleben und durch ihr gesamtes Leben tragen müssen, die früh von der Mutter getrennt wurden, zum Beispiel durch eine Behandlung im Krankenhaus. Die Traumaforschung lässt uns besser verstehen, warum Traumatisierungen durch medizinische Behandlungen so schwer zu verarbeiten ist: wir können keinen ‚Täter‘ ausmachen, denn der Arzt war ja rettend und sozusagen ‚in unserem Auftrag‘ tätig. So geraten unsere Konzepte von Gut und Böse massiv durcheinander, die resultierenden widersprüchlichen Gefühle müssen verdrängt bleiben und belasten uns so dauerhaft.

Die Folge sind häufig anhaltende Schwierigkeiten zu vertrauen, insbesondere: medizinischem Personal zu vertrauen. Sich daraus so weit zu befreien, dass eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe gelingen kann, ist eine große Leistung. Eine Voraussetzung dafür ist, dass auch auf Seiten des Personals Verständnis und Sensibilität für die potentiell (psychisch) schädigende Natur ärztlichen Handelns vorhanden ist.

Wie es trotz schweren Belastungen doch gelingen kann, ein produktives Verhältnis zwischen Ärztin und Eltern/Patient zu gestalten, davon handelt der folgende Text.

Ärzte sind auch nur Menschen

von Silvia Meierová (freiberufliche Coachin (https://www.im-sein.de), Mutter eines Sohnes mit CF)

Warum höre ich mir gerne eine ärztliche Meinung an, aber trage letztendlich immer selbst die Entscheidung?

Wenn ich in meinem Leben, insbesondere seit ich Mutter eines Sohnes mit Mukoviszidose bin, etwas gelernt habe, dann ist es, dass „Ärzte auch nur Menschen sind!“

Erfahrungen aus meiner Kindheit

Ich habe meine eigenen persönlichen Erfahrungen gemacht. Als Baby wurde ich sofort von meiner Mutter getrennt und nach einem starren Zeitplan gestillt. Alle vier Stunden musste ich trinken, egal ob ich wollte oder nicht.

Im Alter von drei Jahren wurde ich zwei Wochen lang in einem Krankenhauszimmer eingesperrt, ohne einen einzigen Besuch oder ein Spielzeug zu bekommen. Ich war völlig allein.

Als ich sechs Jahre alt war, erzählten sie mir, dass wir ein Räuberspiel spielen würden. Sie banden meine Hände mit einem Seil hinter meinem Rücken fest, steckten eine riesige Schere in meinen Hals und schnitten meine Mandeln heraus. Sie warfen sie vor meiner Nase in eine Schüssel. Das war die Praxis im Osten zu der Zeit.

Seitdem bekomme ich Zustände, wenn ich nur den Geruch von Ärzten in der Nase habe.

Unnötigerweise wurde meine Nase operiert, und seitdem habe ich Probleme mit den Nasennebenhöhlen.

Mir wurde geholfen, aber auch geschadet.

Mein Sohn und ärztliches Handeln: Rettung und Traumatisierung zugleich

Mein Sohn hatte ähnliche Erfahrungen. Er hatte bereits im Mutterleib einen Darmverschluss und wurde einen Tag nach der Geburt operiert.

Es ist ein wahres Wunder, wie Ärzte einen so kleinen Bauch wiederherstellen können! Sie haben sein Leben gerettet.

Gleichzeitig wurde mir jedoch nicht gestattet, während seiner Zeit im Krankenhaus bei ihm zu sein. Er schrie die Nächte hindurch und musste Beruhigungspillen nehmen.

Einmal schrie er so laut, dass sein Darm durch den künstlichen Ausgang herausgedrückt wurde und mit einem Löffel zurückgesteckt werden musste.

Ich wäre damals fast ohnmächtig geworden.

Am Ende lag er mit gefesselten Händen ans Bett gebunden, weil er sich immerzu kratzen wollte.

Als ich ihn nach Hause brachte, hat er drei Jahre lang nicht länger als zwei Stunden am Stück geschlafen. Ich musste immer bei ihm sein und durfte ihn nicht aus den Augen lassen.

Er wurde gerettet, aber gleichzeitig war er traumatisiert.

Bei seiner Entlassung sagte die Ärztin: „Ich gebe Ihnen einen gesunden Jungen mit nach Hause.“

Mit vier Monaten hustete er täglich sechs Stunden lang…

Sein Kinderarzt sagte: „Das ist wahrscheinlich ein hartnäckiger Virus.“

Mein Sohn und sein Kampf ums Essen: Die Frage nach der Magensonde

Mit einem Jahr wog er nur sechs Kilogramm. Ein Arzt erklärte mir, dass es meine Schuld sei, weil ich ihn stille. Mein Kind hungerte also wegen mir.

Derselbe Arzt, der das sagte, hatte jedoch schließlich die richtige Idee und diagnostizierte bei meinem Sohn Mukoviszidose.

Sobald er regelmäßig inhalierte und Verdauungsenzyme bekam, ging es ihm besser.

Dann gingen wir zu einer Ambulanz. Er wurde gut betreut, aber er aß nicht genug.

Man sagte mir immer wieder, er solle mehr essen, MEHR essen, er müsse essen…

Ich tat alles in meiner Macht Stehende, um ihn zum Essen zu ermutigen. Doch die Ärzte waren überzeugt: Mein Sohn brauchte eine Magensonde.

Ich war jedoch dagegen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass sein Problem eher psychischer Natur war. Schließlich durfte er in den ersten zehn Wochen seines Lebens nichts in den Mund nehmen, was zu seinem Misstrauen führte. Er brauchte einfach etwas mehr Zeit und Vertrauen.

Ich fürchtete, dass er sich an die Magensonde gewöhnen und von ihr abhängig werden würde, wenn ich sie jetzt einsetzen würde.

Daher suchten wir privat nach einer Lösung. Er aß genug, nahm aber nicht schnell genug zu.

Dennoch hörte ich bei jedem Termin in der Ambulanz immer wieder denselben Satz: „Wann kommen Sie endlich zur Vernunft?“ Sie holten sogar einen Psychologen hinzu, der versuchen sollte, mich zu überzeugen.

Die Suche nach einer Lösung: Die Bedeutung der Zusammenarbeit

Es waren junge, unerfahrene Ärzte, die jedoch stets so taten, als wüssten sie alles. Letztendlich entschieden wir uns dazu, die Ambulanz zu wechseln und fuhren sogar 150 Kilometer weit, um eine Ärztin zu finden, die Erfahrung und Fachwissen besaß.

Sie sah meinen Sohn und verschrieb ihm sofort Antibiotika. Das war die Lösung – keine Magensonde.

Die Rolle der Ärztin, die Vertrauen und Entscheidungen teilt

Bis heute fahren wir zu ihr. Der Grund dafür ist, dass diese Ärztin mit mir kommuniziert und gemeinsam mit mir Entscheidungen trifft.

Als mein Sohn beispielsweise psychische Nebenwirkungen von Kaftrio hatte, nahm sie es ihm zunächst ab und erklärte mir, was sie darüber wusste – was nicht viel war, da das Medikament noch recht neu war. Sie vertraute jedoch meinem Urteil und ermutigte mich, verschiedene Ansätze auszuprobieren, um ihm zu helfen.

Medizin und Ärzte als Lebensretter: In Zusammenarbeit mit mir und meinem Sohn

Die Medizin und die Ärzte retten tagtäglich das Leben meines Sohnes – aber immer in Zusammenarbeit mit mir und später auch mit ihm selbst.

Abschließende Betrachtung – Die Erkenntnis, dass Ärzte sich irren können: Meine Verantwortung und Entscheidungen

Ich habe so oft erlebt, dass Ärzte sich geirrt haben. Oft genug musste ich meinen ganzen Mut zusammennehmen und selbst die Verantwortung für bestimmte Entscheidungen übernehmen.

Denn Ärzte sind letztendlich auch nur Menschen.

Hier einmal ein inspirierendes Video, wie das Setzen einer Spritze für das Baby zu einem lustigen Ereignis wird – und der Kinderarzt, der das so macht, ist dabei so glücklich, wie die Eltern (Quelle: https://www.instagram.com/p/Csg-fZiAADD/).

Zeigt das ruhig mal Euren Ärztinnen und Ärzten: 

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