Wir sollten die „Mir geht’s gut!“-Show aufgeben!

Einen Unterschied zu machen, kann sich lohnen.

Von Lara Govendo, übersetzt von Kathrin Br*mer

In: „Valiant Voice“, einer Kolumne von Lara Govendo für www.cysticfibrosisnewstoday.com.

Wir sind in Verwirrung darüber, wie wir auf unser Leiden reagieren „sollten“. Das produziert Zerstörung in unseren Köpfen und erzeugt oft ein Schamgefühl. Wie oft antworten wir auf die Frage nach unserem Befinden mit „Mir geht’s gut“, obwohl diese Antwort eine Performance ist, weit entfernt von der Wahrheit. Denn gleichzeitig schreien wir innerlich nach Hilfe. Die kulturelle Norm diktiert uns, so zu funktionieren, als würde uns unser innerer Schmerz nichts anhaben können.

Es ist lange überfällig, dass wir unseren Umgang mit psychischer Gesundheit in westlichen Gesellschaften verändern. Der Mai als Aktions-Monat der psychischen Gesundheit bietet uns die Möglichkeit, über unsere versteckten inneren Kämpfe offen zu sprechen. Lasst uns diesen Monat nutzen, um Offenheit und Authentizität bezüglich unserer täglichen Mühen zu praktizieren!

Der erste Schritt auf dem Weg zu einer neuen Gemeinsamkeit ist, zu realisieren, dass wir alle einen inneren Kampf kämpfen. Psychische Schwierigkeiten sind unter chronisch kranken Menschen machtvoll und grassierend. Viel zu oft tappen wir in die Falle des sozialen Vergleichs – vor bzgl. der  Scheinleben, die uns die Sozialen Medien vorgaukeln – und ziehen uns noch weiter in uns selbst zurück, weil wir die soziale Verurteilung fürchten. Wir sollten stattdessen offene Gespräche über unsere psychische Verfassung unterstützen und normalisieren. Solche Gespräche sind essenziell, will man sich in Richtung emotionaler Aufrichtigkeit und echter Verbundenheit mit anderen, die ähnliche Kämpfe fechten, bewegen.

„Die Scham ignoriert völlig, was es heißt, Mensch zu sein.“

Und doch, leider, leiden viele weiter still vor sich hin, weil sie sich dafür schämen, dass sie sich psychisch nicht gut fühlen. Wir haben eine Kultur geschaffen, in der es bedrohlich erscheint, emotionale Wunden oder psychische Probleme offenzulegen. Viele von uns schämen sich, weil wir denken, wir seien die einzigen, die es nicht immer schaffen, mit all den Herausforderungen zurechtzukommen, die das Leben uns serviert. Diese Scham ignoriert völlig, was es heißt, Mensch zu sein.

Diese Scham abzubauen ist hart, aber möglich. Wie? Indem wir uns daran erinnern, dass wir nicht alleine sind. Indem wir eine Gemeinschaft finden, die alle unsere Seiten annimmt, uns unterstützt und bestärkt. Eine solche Gemeinschaft zu haben, ist entscheidend für unsere seelische Gesundheit.

Die Gesellschaft hat uns die Lüge aufgetischt, mit dem Leben zurechtzukommen sollte uns leicht fallen. Wenn wir trotzdem straucheln, Mühe haben, dann muss das wohl daran liegen, dass mit uns selbst etwas falsch ist? Wir schlittern durch die Kurven des Lebens mit dem Ziel, wieder zur „Normalität“ zurückzufinden, ohne zu begreifen, dass Normalität eine Illusion ist. Der Großteil unserer Anfechtungen im Leben ist unvorhersehbar, unplanbar und außerhalb unserer Kontrolle.

Viel zu lange schon stecken die, die seelische Kämpfe auszufechten haben, im Überlebensmodus fest: „Wenn ich dieses hier doch einfach überstehen könnte…“ Aber wie „überstehen“ wir Angst, Depression, sich aufdrängende Gedanken, ohne zu implodieren? Je stärker wir unsere Gefühle unterdrücken, desto tiefer fressen sich die Wunden in unsere Seelen. Und dann verletzt unser Schmerz uns selbst und andere. Verletzte Menschen verletzen Menschen. So werden wir immer weiter entzweit.

Wir können es nicht länger hinnehmen, dass jeder hinter verschlossenen Türen alleine an seinen seelischen Schmerzen leidet. Wir müssen die Kultur rund um psychische Belastungen verändern, wenn wir anfangen wollen, zu wachsen und zu gedeihen. Lasst uns unser inneres Gepäck teilen und gemeinsam tragen, ehe wir alleine unter dem Gewicht zusammenbrechen. Während es immer wieder als schwach abgetan wird, um Hilfe zu bitten, ist es eigentlich ein Zeichen innerer Stärke, unsere Verletzlichkeit zu zeigen, unsere Geschichten zu erzählen. Das zu tun, lässt unsere Wunden heilen.

„Tackling my thoughts clears my mind, and my body often follows suit.“ (Zitat Lara Govendo)

Psychisches Wohlbefinden ist genauso wichtig wie körperliches Wohlbefinden. In der westlichen Kultur ist es als normal akzeptiert, sich Hilfe zu suchen, wenn unsere Körper verletzt oder krank sind, also warum suchen wir keine Hilfe, wenn chemische Imbalancen, Umwelteinflüsse oder genetische Prädispositionen uns psychisch krank machen? Schließlich wird unsere körperliche Verfassung stark beeinflusst durch psychische Probleme. Für ein optimales Funktionsniveau ist es unabdingbar, psychische und körperliche Gesundheit miteinander in Einklang zu bringen.

Trigger verstehen, Muster aufbrechen

Wenn wir daran arbeiten, zu verstehen, was uns triggert, welche Grundmuster und Traumata wir in uns beherbergen, dann landen wir in einem proaktiven Ansatz zur Behandlung und Verbesserung unserer psychischen Verfassung. Unsere Trigger zu kennen, gibt uns in Krisen Stärke und Selbstwirksamkeit. Wir neigen alle dazu, in altbekannten Mustern steckenzubleiben. Traumata verändern unsere Wahrnehmungen.

Wir brauchen Mut, wollen wir tiefer einsteigen in unsere eigene innere Welt, ob nun mit oder ohne formal diagnostizierter psychischer Störung. Wir müssen darauf hinarbeiten, Coping-Strategien zu entwickeln und alles zu tun, was es braucht, um unsere seelische Gesundheit weit oben auf die Liste der wichtigen Dinge zu setzen. Seelisches Wohlbefinden zu priorisieren ist unabdingbar, wollen wir das beste Leben leben, das uns zur Verfügung steht.

Meist hat die Art und Weise, wie andere Menschen reden und handeln, im Grunde nichts mit uns zu tun. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Wenn wir das erkennen, können wir vielleicht verstehen, dass wir nur dann eine mitfühlende Gemeinschaft bilden können, wenn wir uns freundlich und liebevoll anderen gegenüber verhalten. Innere Kämpfe sind real, und sie sind für jeden unterschiedlich, aber zusammen sind wir stärker. Niemand muss alleine kämpfen. Alle Teile unseres Seins sind wichtig und verdienen es, dass wir uns um sie kümmern. Lasst uns die Sitten verändern und eine starke gemeinsame Botschaft der Hoffnung für unser aller seelisches Wohlbefinden senden!

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*